Aus der Geschichte Altlünens

Es ist immer wieder interessant, ein Stück Heimatgeschichte kennenzulernen. Mit dieser Ausarbeitung möchte ich verschiedene geschichtliche und industrielle Entwicklungen unserer Gemeinde sowie das Leben und die Lebensgewohnhei-ten unserer Vorfahren aufzeichnen.

Den älteren Bürgern unserer Gemeinde ist sicher Verschiedenes dieser Auf-zeichnungen bekannt, oder es wird ihnen beim Lesen dieser Zeilen einiges ins Gedächtnis zurückgerufen. Für mich ist es ein besonderes Anliegen, dass die neuen Bürger, die in den letzten Jahren ihren Wohnsitz in unserer Gemeinde gefunden haben, den geschichtlichen Hintergrund und die Entwicklung ihrer neuen Heimat kennenlernen.

Wie alt unsere Gemeinde ist, kann mit einer genauen Jahreszahl nicht beantwor-tet werden. Doch in einer Urkunde aus der Zeit um 900 n.Chr. werden die Bauernschaften Südlünen, Nordlünen, Alstedde und Wethmar namentlich genannt.

Dieses Schriftstück stammt aus dem ehemaligen Benediktinerkloster Werden an der Ruhr. Demnach siedelten vor mehr als 1000 Jahren nördlich des großen Bogens, den die Lippe hier bei uns macht, die vier o.g. Bauernschaften an.

Die Lippe war die Grenze zwischen den Bistümern Münster und Köln.

Jede Bauernschaft bestand aus 8 - 10 Gehöften; z.B. lagen die Höfe Südlünens, dem späteren Lünen, in dem Raum zwischen Lippe und Wevelsbach.

Im Jahre 1018 wurde am Nordufer der Lippe neben der heutigen Marienkirche, im damaligen Südlünen, ein Gotteshaus für die vier Bauernschaften erbaut. Diese Kirche lag zwar für die Bauernschaften nicht zentral, dafür aber in unmittelbarer Nähe eines Übergangs über die Lippe. Dieser Übergang, ursprünglich eine Furt, verband eine wichtige Handelsstraße, und zwar den Hellweg, der von Dortmund her kommend nach Münster und weiter nach Norddeutschland führte. Da die Lippe zugleich auch Grenze war, wurde dort eine Zollstelle eingerichtet.

Die an der heutigen „Persiluhr“ aufgestellte Ochsengruppe soll an diese damals wichtige Handelsstraße erinnern.

Die Abhängigkeit der Altlüner Bauern zum Kloster Cappenberg

Bis zur Unterwerfung der Sachsen durch Karl den Großen im 8. Jahrhundert lebten unsere Vorfahren als freie Bauern auf ihren Höfen. Diese Unterwerfung brachte eine völlige Änderung der bestehenden Besitzverhältnisse.

Karl der Große zog eine Reihe von Höfen als Staatseigentum ein.

Das waren vor allem die Höfe, deren Besitzer sich gegen ihn auflehnten oder sich weigerten, den christlichen Glauben anzunehmen. Die anderen wurden abhängig und zinspflichtig und mussten dem neuen Grundherrn eine jährliche Abgabe leisten. Mit den eingezogenen Höfen beschenkten Karl der Große und seine Nachkommen Bischöfe, Klöster und Domkapitel. Auch weltliche Adels-herren sind als Lohn für ihre geleisteten Dienste von ihrem Landesherrn mit den Höfen belehnt worden.

Bereits vor der Gründung des Klosters Cappenberg im Jahre 1122 hatten die Grafen von Cappenberg Besitz in den Gemeinden Alstedde und Wethmar.

Im Laufe der Jahre verstand es das Kloster, auch die übrigen Höfe durch Kauf; Tausch oder Schenkung zu erwerben. So war das Kloster Cappenberg um 1400 fast der alleinige Grundherr in Altlünen.

Wie wirkte sich die Abhängigkeit unserer Bauern aus?

Wir dürfen die Abhängigkeit hier nicht mit Leibeigenschaft verwechseln, wenn auch die persönliche Freiheit des Hörigen in bestimmten Punkten erheblich eingeschränkt war. So durfte er nicht ohne die Erlaubnis des Klosters seinen Hof oder Scholle veräußern. Er war also schollenpflichtig ! Diese Anordnung galt jedoch nur für den Besitzer des Hofes und nicht für die abzufindenden Geschwister.

Der Bauer selbst hatte ein erbliches Recht auf seinen Besitz, vorausgesetzt, er hat die festgelegten Abgaben und Leistungen entrichtet. Die Menge der Abgaben wurde im Verhältnis zur Größe des Besitztums und Qualität des Bodens festgelegt. Diese Hauptleistung, den eigentlichen Grundzins, hatte der Hörige in Form von Getreide- und Viehabgaben abzugelten. Daneben musste der Bauer noch Hand- und Spanndienste leisten. Diese bezogen sich auf Arbeiten in der Bestellung der gutsherrlichen Ländereien.

Ab Ende des 18. Jahrhunderts hatte der Hörige die Möglichkeit, einen Teil seiner Leistungen in eine Geldschuld umzuwandeln. Es ist zu lesen, dass der Hof Hülsmann, der heutige Hof Grove in Alstedde, im Jahre 1796 seine Spanndienste für 6 Monate mit 6 Talern ablöste.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts begann die Bauernbefreiung. Diesbezüglich hatte sich Freiherr vom Stein besonders verdient gemacht. Die Bauern hatten nun die Möglichkeit, die auf ihren Höfen lastenden Verpflichtungen geldlich abzulösen. Eine eigens dafür eingesetzte Kommission legte für jeden einzelnen Hof die Höhe der Ablösebeträge fest. Als Richtschnur hierfür nahm man etwa das 25-fache des Jahreswertes der ehemaligen Verpflichtung. Bei kleineren Höfen auch wohl das 20-fache und bei Köttern das 18-fache.

Woher nahmen unsere Bauern und Kotter das für die Ablösung notwendige Geld?

Hierzu hatte die preußische Regierung Rentenbanken eingerichtet, aus denen die Gutsherren abgefunden wurden. Somit war das Abhängigkeitsverhältnis der Bauern zu den Gutsherren beendet. Bis zur endgültigen Abtragung ihrer Schulden durften die Bauern ihren Grund und Boden weder beleihen noch verkaufen.

Die wirtschaftliche Entwicklung unserer Gemeinde ab dem 19. Jahrhundert.

Bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts lebte die Bevölkerung fast ausschließlich von der Landwirtschaft.

Im Jahre 1826 wurde von dem Lüner Caspar Diedrich Wehrenbold in Wethmar eine Eisenhütte, die heutige Eisenhütte Westfalia, erbaut. Er wählte den Standort in Wethmar, direkt an der Lippe, um sie als Wasserkraft und Transportweg zu nutzen.

Menschen, die auf der Eisenhütte Arbeit gefunden hatten, siedelten sich hier neu an. Ein Teil der Bauern fand durch das Erzfahren und Transportieren der Holzkohle für die Hochöfen eine zusätzliche Arbeit. So übte das Werk in unserer Region einen belebenden Einfluß aus.

Im Laufe der Jahrzehnte entwickelte sich die Eisenhütte zu einem großen Unternehmen. Neben dem Gießereibetrieb wurden bald Dampfmaschinen. Pumpen und Eisenbahnteile hergestellt.

Als der Bergbau seinen Einzug hielt, hat man sich hierauf spezialisiert und geniale Erfindungen gemacht, die im Bergbau revolutionierend wirkten. Hier ist besonders der "Löbbe-Hobel" zu erwähnen, der weltweites Interesse fand. Leider wurde auch dieses Werk von der Rezession im Bergbau stark betroffen.

Im Jahre 1867 wurde in Wethmar die Ziegelei Siegeroth erbaut. Jahrzehnte hatte sie Dachziegel, Steine und Tonrohre hergestellt. Heute hat sich die Ziegelei auf Drainröhren spezialisiert. Nach dem Bau der Eisenbahnstrecke Dortmund - Gronau haben sich auch andere Industrieunternehmen in Nordlünen niedergelassen. Der nahe Bahnanschluss und die günstige Lage am Rande des Ruhrgebiets waren für die Ortswahl entscheidend.

Im Jahre 1892 nahm die Eisengießerei Flume & Lenz den Betrieb auf. Durch die Auswirkungen des 1. Weltkrieges musste dieses Werk aber in den zwanziger Jahren seine Pforten schließen. Auf diesem Fabrikgelände wurde 1928 ein neues Unternehmen aufgebaut, die Bergtechnik. Dieses Werk baute Geräte und Maschinen für den Bergbau.

Auf dem heutigen Gelände der "Lüner Glasbütte" wurde 1897 eine Glasschleiferei eröffnet. Aus diesem Kleinbetrieb entwickelte sich das jetzige Lüner Glashüttenwerk. 1907 wurde hier der erste Hafenofen erbaut. In diesen Öfen wird Glas geschmolzen.

In den Jahren darauf wurden immer mehr handwerkliche Kleinbetriebe gegründet.

1920 existierten in der Gemeinde 39 Handwerksbetriebe mit 51 Gesellen und 18 Lehrlingen.

Um die Jahrhundertwende ist auch der Bergbau in unsere Gemeinde vorgedrungen. Bei Bohrungen wurden größere Kohlenlager in Altlünen festgestellt.

Aber erst 1950 wurde hier auf Schacht V der Zeche Minister Achenbach, wie man die neue Schachtanlage nannte, die erste Kohle gefördert.

Aufgrund der Rezession im Kohlebergbau ist diese Schachtanlage 1989 geschlossen worden.

Im Jahre 1968 hat die Schuhfabrik "Ära" an der Alstedder Strasse mit ihrer Produktion begonnen und vielen Menschen eine Arbeitsstelle gegeben. Ebenso haben sich, z.B. im Geistwinkel, die Unternehmen Auferoth, Höwing und Kanne niedergelassen. Neben diesen siedelten sich noch viele andere Betriebe in unserer Region an.

Die strukturelle Entwicklung auch unserer Gemeinde vollzog sich in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts, bedingt durch die beiden Weltkriege, nur sehr langsam.

Als Fortschritt ist sicher zu erwähnen, dass das elektrische Licht 1911/12 in Nordlünen und anschließend in Wethmar verlegt wurde. In Alstedde bekamen die letzten Höfe 1926/27 ihren Stromanschluss.

Auch der Anschluss an das Wasserleitungsnetz für die dichter besiedelten Gebiete war vor dem 1. Weltkrieg durchgeführt. Die Verlegung der ersten Gasleitung erfolgte im 2. Weltkrieg.

Sonst aber hatte sich das äußere Bild der Gemeinde bis 1950 wenig verändert. Die Straßen waren in schlechtem Zustand, kaum oder gar nicht beleuchtet. Es gab keine Geh- oder Radwege und nur ca. 4000 Meter waren kanalisiert. Die Schulen waren in schlechtem Zustand und es herrschte große Schulraumnot.

Aber am drückendsten war der ständig steigende Mangel an Wohnraum. Hier sah sich die Gemeinde am meisten gefordert.

Mit dem Jahre 1948, dem Jahr der Währungsreform, hofften alle auf Besserung der Lage. Schon nach kurzer Zeit war eine Aufwärtsentwicklung zu verzeichnen.

Daran waren die Gemeindeväter nicht unwesentlich beteiligt. In allen Ortsteilen wurde neues Bauland erschlossen, Bebauungspläne aufgestellt und interessierten Mitbürgern Bauland zu günstigen Konditionen angeboten.

Besondere Aktivität entwickelte hier die Wohnungsbaugesellschaft Glückauf der Zeche Minister Achenbach, indem sie von 1951 bis heute allein in Alstedde und an der Vogelscher über 1000 Wohnungseinheiten geschaffen hat.

Auch zu erwähnen ist noch, dass die Westfalia in Wethmar ebenfalls sehr viele Wohneinheiten gebaut hat.

Aber auch viele Privatleute haben die Möglichkeit gerne wahrgenommen, ein eigenes Haus im Grünen zu bauen, und damit das äußere Bild der Gemeinde verschönert.

Durch diese rege Bautätigkeit war auch ein rascher Bevölkerungsanstieg zu verzeichnen.

Die folgenden Zahlen geben eine Übersicht ab 1900:

* 1900 2505 Einwohner
* 1920 4209 Einwohner
* 1940 4568 Einwohner
* 1950 6364 Einwohner
* 1962 12432 Einwohner
* 1975 16000 Einwohner

Die Gemeinde war nun gezwungen, neue Schulen zu errichten und die Alten zu erweitern und zu modernisieren. So wurde das Schulwesen in Altltinen durch den Bau eines Gymnasiums (1967) und einer Realschule (1974) vervollständigt.

Neue Spiel- und Sportstätten mussten geschaffen werden Hier ist insbesondere die großzugig angelegte Erholungsstätte am Cappenberger See zu nennen, die 1957 eröffnet wurde.

Mit Neuzeitlichem Schwimmbad, großen Spiel- und Liegewiesen, Tennisplätzen, Minigolfanlage und einer modernen Kampfbahn wurde diese Freizeitanlage ausgestattet.

Der eigentliche Ursprung des Cappenberger Sees geht zurück auf das Jahr 1929, als für den Bau der Bahnlinie von Lünen nach Werne Aushub benötigt wurde. Das dadurch entstandene Baggerloch füllte sich mit Wasser und erhielt damals den Namen "Cappenberger See".

Am 1. Januar 1975 wurde unsere Gemeinde, die mit den Ortsteilen Alstedde, Nordlünen und Wethmar seit 1815 die Gemeinde Altlünen im Amt Bork, Kreis Lüdinghausen gebildet hat, mit der Stadt Lünen zusammengelegt.

Dadurch erhöhte sich die Einwohnerzahl der Stadt Lünen um 16.000 auf über 87.000 und das Stadtgebiet vergrößerte sich um 1.800 Hektar auf 5.900 Hektar. Durch die Neugliederung der Gemeinden und Kreise im Ruhrgebiet hatte Lünen zwar die Kreisfreiheit verloren, wurde aber durch die Eingemeindung von Altlünen zur größten Stadt im Kreis Unna.

Zusammengestellt aus Berichten von unserem Ehrenvorsitzenden August Stallmann

Horrido

Ingo Schinck

(Geschäftsführer)